Wo man Gefahren nicht besiegen kann, ist Flucht der Sieg
-Johann Gottfried Seume-

Im Rahmen des zunehmenden Flüchtlingsstroms und der damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderung entschloss sich die Psychosomatische Beratungsstelle Anfang 2016 einen Beitrag zur Integration der Flüchtlinge zu leisten und zur frühzeitigen Prävention von Traumafolgestörungen beizutragen.

Ausgesucht wurde der Abrams Komplex in Garmisch-Partenkirchen. Es wurden von März 2016 bis April 2018 drei Wochenstunden vor Ort angeboten und durchgeführt.

2016 erfolgten 15 Einzelstunden und 70 Gruppenstunden

2017 erfolgten 83 Einzelstunden und 14 Gruppenstunden

2018 erfolgten 34 Einzelstunden

Insgesamt erfolgten 132 Einzelstunden und 84 Gruppenstunden

Die Arbeit entsprach nicht den Bedingungen unserer Förderer. Die direkten psychologischen Stunden wurden vom Verein der Psychosomatischen-Beratungsstelle getragen. Alle dafür notwendigen Aktivitäten (Vorbereitung, Fortbildungen, Organisation, Netzwerktreffen, Erstellen von Stellungnahmen) wurden ehrenamtlich geleistet.


Die Arbeit im Abrams-Komplex in Garmisch-Partenkirchen
(zunächst Notaufnahmeeinrichtung später Erstaufnahmeeinrichtung)

1. März bis Dez 2016

1.1. Wie es begann:

Im Rahmen des zunehmenden Flüchtlingsstroms und der damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen entschloss sich die Psychosomatische Beratungsstelle einen Beitrag zur Integration zu leisten und zur frühzeitigen Prävention von Traumafolgestörungen beizutragen.

Ausgesucht wurde der Abrams Komplex in Garmisch-Partenkirchen. Grund der Auswahl war, dass der damalige Leiter des Komplexes einen Hilferuf gestartet hatte, in dem er dringend um Mithilfe bat. In zahlreichen Netzwerktreffen - meist organisiert über die Caritas - wurde klar, dass es für psychologische Unterstützung weder Geld noch ehrenamtliche HelferInnen gab.

Die Psychosomatische Beratungsstelle entschied sich 3 Wochenstunden in der Einrichtung zur Verfügung zu stellen.

1.2. Die Situation im Abrams Komplex

Der Abrams Komplex ist ein ehemaliges Lazarett der amerikanischen Besatzungsmacht und ist jetzt im Besitz der BRD. Ein Flügel war übergangsweise zur Notaufnahme für Flüchtlinge geöffnet worden. Zwischen 150 und 300 Flüchtlinge waren untergebracht.

Der Fortbestand der Nutzung zum Zweck der Notunterkunft war ungewiss. Die Verträge für die Verwaltung wurden immer nur für einige Monate vergeben. Durch Nicht-Verlängerung der Verträge wechselte die Leitung der Notunterkunft in der Zeit von März bis November 2016 3mal und ebenso das gesamte Security-Personal, tw auch die Küche. Eine längerfristige Planung und damit Verbesserung der Situation für die Flüchtlinge war trotz großen Engagements der wenigen MitarbeiterInnen dadurch nicht möglich.

Erst Ende des Jahres wurde mitgeteilt, dass der Komplex ab 1.1. oder 1.2.2017 von der Regierung von Oberbayern übernommen und in eine Erstaufnahmeeinrichtung umgewandelt werden soll.

Zu Beginn waren vorwiegend syrische und afghanische Flüchtlinge jeder Altersstufe vor Ort, dazu kamen Afrikaner, Türken, Kurden, Ukrainer. Im Laufe des Jahres nahm die Zahl der schwarzafrikanischen Flüchtlinge zu, v.a. die der alleinstehenden Männer und die von hochschwangeren Frauen.

Im Komplex sollten die Flüchtlinge nur 3-6 Wochen verweilen und dann in feste Einrichtungen mit besserer Organisationsstruktur und Wohnqualität und v.a. Deutsch- und Integrationskursen weitergeleitet werden.

Fakt war und ist aber, dass die Menschen 7-8 Monate, tw. über 1 Jahr, bereits dort gewesen sind.

Die Zimmer waren und sind extrem spärlich eingerichtet; eine Pritsche (kein Bett), ein beschädigter Stuhl, 2 Plastiktüten, für Familien mehrere Pritschen in einem Gemeinschaftszimmer, nur wenige Zimmer hatten ein eigenes Bad.

Dieser Zustand hat sich im Laufe des Jahres verbessert. Es gibt jetzt Betten und Bettwäsche. Es ist sauberer geworden. Die Flüchtlinge haben Koffer für ihre Kleidung.

Es gab und gibt keine Beschäftigungsunterstützung und auch keine Unterstützung zum Spracherwerb außer durch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die in der weitgehend strukturarmen Einrichtung versuchten und versuchen ihr Bestes zu geben.

Ende Juli wurden endlich 2 Schulklassen (eine Grundschul- und eine Hauptschulklasse) für die schulpflichtigen Kinder eingerichtet, um der allgemeinen Schulpflicht in Deutschland nachzukommen. Diese wurden nach kurzer Dauer wieder geschlossen, weil sich die Altersstruktur der untergebrachten Flüchtlinge geändert hatte.

Für psychologische Unterstützung gab es in der Notaufnahme weder Geld noch ehrenamtliche HelferInnen. Es können auch keine Dolmetscher zur Verfügung gestellt werden. Entsprechend waren die Einrichtung, die Caritas und auch das Ausländeramt sehr daran interessiert, dass die PSB diese Arbeit anbietet.

1.3. Die psychologische Arbeit

Eine im therapeutischen Sinn aufdeckende Arbeit ist nicht angezeigt:

* Die Sprachbarriere ist riesig, keine Dolmetscher, Flüchtlinge suchen einen anderen Flüchtling der ihre Sprache bruchstückhaft ins Deutsche oder Englische im Notfall auch ins Französische übersetzt. Teilweise entwickeln sich die ‚Übersetzer’ engagiert und gut gemeint in Co-Therapeuten. Es gibt keine Kontrollmöglichkeit darüber, was wirklich kommuniziert wird.

* Es kann kein schützender Raum zur Verfügung gestellt werden. Viele Menschen verschiedener Nationalitäten leben auf engem Raum. Teilweise stehen diese in politischem Konflikt untereinander. Manche Flüchtlinge finden keine Landsleute im Komplex. Unter den vorhandenen äußeren Bedingungen kann auch seelisch kaum ein sicherer innerer Ort gefunden werden.

* Flüchtlinge erfahren kurzfristig am Vorabend, wenn ihre Verlegung am nächsten Tag stattfindet. D.h. man muss jederzeit mit einem Beziehungsabbruch rechnen. Jede Begegnung muss so gestaltet werden, dass sie in sich einen kleinen Gewinn darstellt. Prozessarbeit kann nicht eingeleitet werden.

Es wurden minimale Therapieziele zur Stabilisierung entwickelt in der Hoffnung diese auch mit wenig sprachlicher Verständigung zu ermöglichen und eine seelische und körperliche Entlastung erwirken zu können.

Die Therapieziele gelten sowohl für die Einzelstunden als auch für die Arbeit in der Gruppe:

* Stärkung der Hoffnung, dass sich der Zustand körperlich, seelisch und räumlich verbessern kann

* Stärkung der Hoffnung, dass es professionelle Hilfe geben wird, wenn eine Verlegung erfolgt ist

* Ermöglichung einer möglichst zeitnahen Erfahrung der Selbstwirksamkeit

* Entlastung und Beruhigung des Nervensystems

* Stärkung des Selbstwertgefühls

Auch wenn kein psychotherapeutisches Angebot im eigentlichen Sinn angeboten werden konnte, helfen Körpertherapeutische Verfahren um Präsenz, Beruhigung und Lebendigkeit zu erreichen. Atemübungen ebenso wie Balance-Übungen und geführte Augenbewegungen können stabilisierend wirken. Klopfen in vereinfachter Form ebenso. Malen wirkt an sich therapeutisch entlastend und erdend. Ressourcen können im Bild herausgearbeitet und gestärkt werden.

In der Arbeit zeigte sich schnell, dass der Faktor Beachtung eine wichtige Funktion erfüllt. Da ist ein Mensch, der versucht, mich zu verstehen. Jemand, der wiederkommt, mir helfen möchte, mich ernst nimmt, Zeit hat, vielleicht auch Vermittler sein kann für meine Wünsche. Ebenso wichtig erwies sich ‚achtsame Berührung’.

Es gelang der PSB in der Zeit 3 Einzelpersonen in Not zu stabilisieren. Die Einzelstunden fanden in den Räumen der Flüchtlinge statt und waren alle erfolgreich.

Neben der Einzelarbeit richtete die PSB ein freies Malangebot ein. Papier, Wachsmaler und Buntstifte wurden zur Verfügung gestellt, zahlreiche Vorlagen zum abmalen oder ausmalen wie Mandalas, Bilder aus Astrid Lindgren Büchern, Blumen, Tiere, Landschaften, Ornamente, Menschen verschiedener Nationalität, Fotos, Märchenbilder, Flugzeuge, Schiffe, ....

Eine geordnete Gruppenbildung war nicht möglich. Wer kommt war immer ungewiss. Erst mühsam und mit der Zeit konnte etwas Struktur erwirkt werden. Entgegen der ursprünglichen Vorstellung, einen Malort zur Verfügung stellen zu können, in dem unter geschützten Bedingungen alles ausgedrückt und damit eine seelische Entlastung erwirkt werden kann, zeigte es sich, dass die Aufrechterhaltung des Friedens in der Einrichtung an zentraler Stelle steht. Konfliktthemen wie z.B. Flieger, die Bomben abwerfen und dann z,B. mit den Landesfarben unterlegt werden, führten zum sofortigem Einschreiten des Sicherheitspersonals und der Leitung. Aggression darf nicht offen ausgemalt werden.

Trotz dieser Einschränkung wurde das Angebot sehr gut angenommen. Es kamen sowohl Kinder als auch Erwachsene - Männer wie Frauen.

Manchmal führte der Einstieg über das gemeinsame Betrachten der Weltkarte und das Finden des Heimatlandes zu einem kleinen Gespräch über den Weg der Flucht bis nach Deutschland. Manchmal führte der Weg zum Malen erst über ein Angebot deutsche Worte zu lernen bevor dann das stille Malen beginnen konnte. Immer entstanden dabei persönliche Kontakte. Jede und jeder möchte wahrgenommen werden, erzählen, deutsche Wörter aussprechen, Fragen und Wünsche anbringen..... Und auch hier waren kleine körpertherapeutische Interventionen möglich und auch auf die Beruhigung des Nervensystems konnte Einfluss genommen werden.

1.4. Ausblick

Die Übernahme durch die Regierung von Oberbayern wird erneut Änderungen in der Einrichtung bewirken. Bisher ist ungewiss, ob erneut Leitung, Security, Küche komplett ausgetauscht werden. Der Personalschlüssel wird auf alle Fälle erhöht werden. Eine Mitarbeiterin der Caritas steht seit 1.12.16 täglich zur Verfügung, um Asylberatung vor Ort durchzuführen. Sie hat bereits begonnen, meine Arbeit unterstützen und wird dies auch weiterhin tun.

Die Anzahl der Bewohner soll auf 350 Personen erhöht werden.

Von der Caritas ist angedacht kreative Angebote einzurichten, um den Menschen eine sinnvolle Beschäftigung anzubieten.

2. Update, Januar 2017 bis März 2018

Die Übernahme der Einrichtung durch die Regierung von Oberbayern hat nach einer Zeit der Verunsicherung insgesamt mehr Struktur und auch Geld gebracht. Es gibt eine Spielecke für Kinder und Unterrichtsräume für das Angebot von Ehrenamtlichen. Es ist sauberer geworden, ein bisschen heller, ein bisschen freundlicher.

Die für meine Arbeit wichtigste Veränderung ist gewesen, dass sich eine stabile Zusammenarbeit sowohl mit dem medizinischen Dienst als auch mit der Mitarbeiterin der Caritas vor Ort entwickelt hat.

Im letzten Jahr wurden mir Klientinnen und Klienten direkt zugeführt und die Betreuung inklusive eventuell notwendiger Klinikeinweisungen erfolgte in den letzten Monaten in enger Absprache und gegenseitiger Unterstützung. Die Stunden erfolgten in einem der für ehrenamtliche Arbeit vorgesehenen Räume oder in einem Nebenraum des medizinischen Dienstes oder der Caritas.

Die Therapieziele konnten individuell erweitert und v.a. vertieft werden.

Die Arbeit war nicht immer aber vorwiegend erfolgreich. Ich kann sagen, dass die PSB maßgeblich daran beteiligt ist, dass einige Menschen aus tiefster Not zurück ins Leben gefunden haben und dass durch schriftliche Stellungnamen die Betreuung einzelner Flüchtlinge durch ihre Rechtsanwälte unterstützt werden konnte.

Meine therapeutische Arbeit hat sich noch einmal verfeinert. Mein Wissen um und meine Kreativität traumatherapeutische Interventionen einzufädeln, wurde ständig gefordert und gefördert.

Heide Henkel